Orientierung durch Orthodoxe Dogmatische Erläuterung Liturgische

 

 

Gottesbegegnung (Theophanie) in der Liturgie

 

Vater Johannes Nothhaas

 

 

Es gehört zur Tragik des menschlichen Lebens, dass wir zwar die Werke Gottes in der Schöpfung sehen können, die uns die Größe seiner Macht und Herrlichkeit ahnen lassen, ihn selbst aber können wir nicht in gleicher Weise wahrnehmen. Die Verborgenheit Gottes und die geahnte Gegenwart in seiner Schöpfung erwecken im Menschen das Verlangen nach einer wahrnehmbaren Begegnung.

Das klassische Beispiel dieser Sehnsucht, Gott zu begegnen, ist der Dialog zwischen Gott und Moses auf dem Berg Sinai. Moses war schon die große Gnade widerfahren, mit Gott zu reden, " wie ein Mann mit seinem Freund zu reden pflegt" (Ex 33,11). Von Angesicht zu Angesicht gesehen hat er ihn jedoch nicht. Da bat er den Herrn: „Zeige mir deine Herrlichkeit!" Da antwortete Gott: "Mein Angesicht kannst du nicht sehen; kein Mensch wird leben, der mich sieht! " (Ex 33,18). Auch der Seher Johannes in der Verbannung auf der Insel Patmos durfte den Himmel offen sehen. Aber auch er schaute nur den Thron Gottes, nicht den Herrn selbst.

Dennoch bleibt den Menschen das Verlangen nach einer Gottesschau, einer Begegnung mit ihm in diesem Leben. Von diesem Sehnen des menschlichen Herzens sind alle Bemühungen um eine würdige Gottesverehrung getragen. Eine weit verbreitete Meinung in unsrer Zeit ist, dass ein attraktiver Gottesdienst die Nöte der Menschen ansprechen muss. So positiv dieses Postulat ist, kann es doch nicht die ganze Antwort auf das Verlangen nach Gottesschau geben. Begenung mit Gott muss mehr sein als Erlösung von der Not!

Noch ein zweites Mal wurde die Bitte geäußert, die Herrlichkeit des göttlichen Vaters zu schauen. Diesmal ist es Philippus, der zum Mensch gewordenen Gottessohn sagt: „Zeig uns den Vater!" Die Antwort Jesu lautet: „Wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater. Und von nun an kennet ihr ihn und habt ihn auch gesehen ... Wer mich sieht, der sieht den Vater. " ( Joh 14,7f.). Die Verborgenheit des göttlichen Vaters bleibt auch im Neuen Testament gewahrt. Doch diesmal kommt Gott dem menschlichen Verlangen nach sinnlicher Wahrnehmung entgegen. „Wer mich sieht, der sieht den Vater.”, dieser Satz eröffnet eine neue Dimension der Gottesbegegnung: Der unendliche Gott geht ein in die endlichen Dimensionen von Raum und Zeit. Er geht ein in die Gestalt eines Menschen, des zu Bethlehem geborenen Kindes, des Zimmermanns und Jesus von Nazareth. Es ist der Beginn einer leibhaften Begegnung zwischen Gott und den Menschen, die von nun an nicht mehr aufhören sollte. Auch nicht nach der Himmelfahrt des Gottessohnes.

Denn er hatte schon vor seiner Kreuzigung das Vermächtnis seiner Gegenwart in der Feier des Herrenmahles seinen Jüngern auch für die künftigen Generationen anvertraut und aufgetragen. So ist die Liturgie der Kirche weit mehr als nur Lebenshilfe und menschliche Gemeinschaft. Sie ist die Feier seiner Gegenwart nicht nur als Menschgewordener, sondern auch des zur Rechten des Vaters thronenden Allherrschers mitsamt seinem himmlischen Hofstaat, den Heeren der Cherubim, Seraphim, Erzengel und aller Mächte und Gewalten. Der Seher Johannes der Offenbarung umschreibt das eucharistische Geschehen als das Herabfahren des himmlischen Jerusalems (Apk 21,2) in die feiernde irdische Gemeinde.

Zeitlich ist dieses Kommen des Gottesreichs nicht festgelegt und geschieht als ein Nahen von Anbeginn der Liturgie. So betet der Priester schon beim Kleinen Einzug in der sonntäglichen Liturgie mit dem Evangeliar: „Gebieter, Herr unser Gott, Du hast im Himmel die Ordnungen und Heere der Engel und Erzengel eingesetzt zum Dienste Deiner Herrlichkeit, lass auch mit unserem Einzug heilige Engel einziehen, die mit uns die Liturgie vollziehen und Deine Güte lobpreisen." Dieser Einzug will sichtbar machen, dass Christus in seinem Evangelium, d. h. in seinem Wort, zur gottesdienstlich versammelten Gemeinde kommt. Im darauf folgenden Großen Einzug mit den vorbereiteten Gaben singt der Chor: „Im Mysterium bilden wir die Cherubim ab und singen der lebenschaffenden Dreiheit den Hymnus des dreifachen Heilig. Lasset uns jetzt ablegen alle Sorgen dieser Welt, um zu empfangen den König des Alls, den unsichtbar erheben die Heerscharen der Engel. Alleluja, alleluja, alleluja ".

Zwar sehen die leiblichen Augen nur die in liturgische Gewänder gehüllten Zelebranten und hören die leiblichen Ohren nur den Gesang des irdischen Chores, so weist uns der Gesang daraufhin, dass unsichtbar miteingezogen ist der von Engelscharen umgebene Herr. Mit ihnen zusammen singen wir das dreifache Alleluja. Bei diesem Einzug kommt uns der Herr noch näher, in den vorbereiteten materiellen Gaben von Brot und Wein. In der Jakobus-Liturgie, dem alten Ritus der Kirche von Jerusalem, singt der Chor beim Großen Einzug mit den Opfergaben in gleicher Weise von dem Hereinbrechen der überirdischen Welt in den liturgischen Vollzug: „Es schweige alles sterbliche Fleisch und stehe mit Furcht und Zittern und sinne auf nichts Irdisches, denn der König der Könige und der Herr der Herrscher kommt als Opfer geschlachtet zu werden, gegeben als Nahrung den Gläubigen.

 

Ihm voran gehen die Chöre der Engel

mit allen Mächten und Gewalten,

die vieläugigen Cherubim,

die sechsflügeligen Seraphim;

sie verhüllen ihr Angesicht

und rufen den Hymnus

Alleluja, alleluja, alleluja."

 

Obwohl die Opfergaben, die bei diesem Einzug hereingetrgaen werden, noch nicht durch das Hochgebet und die Bitte um den Heiligen Geist zur sakramentalen Gabe geworden sind, wird in diesem Gesang angekündigt, dass „der König der Könige und der Herr der Herren" naht. Die Gläubigen verneigen sich tief, werfen ihren Schal vor die Füße der einziehenden Liturgen, da es Christus ist, der in diesem Augenblick unsichtbar erscheint, um mit der Gemeinde den liturgischen Dienst als der ewige Hohepriester zu verrichten. Dieser Gesang hebt den Schrecken des Menschen bei der Gotteserscheinug auf, wie sie dem Propheten Jesaja im Tempel zu Jerusalem bei seiner Berufung widerfuhr: „Weh mir, ich vergehe, denn ich habe den Herrn Zebaoth gesehen.". Den Gläubigen im Neuen Bund erscheint der Herr in seiner königlichen und priesterlichen Herrlichkeit, umgeben von den Scharen der Engel, der sich den Gläubigen in den eucharistischen Gaben als Nahrung darbietet.

Er begegnet den Menschen in liebender Nähe im Mysterium der Eucharistie. Er kommt zu den Menschen in ihrer Ganzheit, also als Geist-, Seele- und Leib-Wesen. Es genügt daher nicht, wenn nur allgemein daraufhingewiesen wird: Christus ist nun in unsrer Mitte. Dem Gläubigen wird diese Gegenwart des Herrn in, mit und unter den gesegneten Gaben von Brot und Wein gereicht. Wir dürfen uns diese Vereinigung von himmlischer und irdischer Liturgie, diese Begegnung des Gottessohnes mit den Gläubigen in nicht geringerer Leibhaftigkeit vorstellen als seine Einwohnung in der Gottesgebärerin. Deshalb ist in der Apsiswölbung über und hinter dem Altar in jeder orthodoxen Kirche die Gottesgebärerin dargestellt mit dem Christusknaben auf den Armen oder im Mandilion. Der Inhalt diesesWandbildes entspricht in gleicher Wirklichkeit dem Geschehen auf den Altar.

 

Artkel erstellt am: 20-6-2009.

Letzte Überarbeitung am: 20-6-2009.

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